Das Porträt (2019)

Das Porträt ist abstrakt, ungegenständlich, so wie gute Kunst immer ist.
Ein Porträt ist für mich der in der bildenden Kunst übliche Schnitt durch die Zeit, durch das Leben einer Person. Dieser Schnitt kann quer zur Zeitlinie gemacht sein, oder flach, fast längs verlaufend. Ein Querschnitt bringt den Moment auf den Punkt, ein flacher Schnitt ergibt eine Fläche, eine Fläche, auf der naturgemäß mehr von der Geschichte der Person erzählbar ist. Durch die Figuren, welche im 3d print zur Skulptur eingefroren sind, kommt es zu einer Aufstellung derselben. Mehrere Personen lassen sich wie eine Familie zueinander aufstellen und zu einem Bild im Modell verdichten. Es sind Modelle im Modell, allesamt eingefroren in der Zeit. Somit bleibt die Zeit stehen und das Porträt, also der aufgezeigte Moment im Leben dieser Personen, wird zum Bild.*


Anders als Literatur, Musik und Theater hat die bildende Kunst keinen Anfang und kein Ende. Das Leben hat einen Anfang und ein Ende, wohl deshalb ist das Bild so von Bedeutung. Ein Bild zu schaffen, bedeutet also, eine Geschichte ohne Anfang und ohne Ende zu erzählen. Ein Porträt zu schaffen, bedeutet das Leben einer Person ohne Anfang und ohne Ende zu beschreiben, und so eine Lebensgeschichte auf den Punkt zu bringen.
Wenn ich die Geschichte der Personen, die ich porträtiere, nicht kenne, erschaffe ich einen allgemein vertrauten Raum als Bildraum, und in den meisten Fällen einen mir besonders gut vertrauten Raum, das Atelier, und mache diesen Bildraum zu meiner organisch geordneten Welt. Die Freiheit, die in meinem Atelier herrscht, ermöglicht mir einen hoch abstrakten, ungegenständlichen Bildbau, der im selben Moment jedoch hoch gegenständlich ist, welcher die abstrakte Bildsprache von Malerei der Moderne ins Feld führt, obschon es sich um ein dokumentarisches Foto handelt. Bei gutem Gelingen sind alle Ebenen, die es heute in Bildmedien zu kennen und zu lesen gilt, sicht- und lesbar.
Im Porträt der Familie kommt es zu einer Neuaufstellung der zu porträtierenden Familienmitglieder im Atelier, jenem Raum, in dem manche Wunder der Kunst vorführbar sind. In der Mitte steht die Staffellage, auf welcher das Bild entsteht – nur dessen Rückseite ist sichtbar. Im rechten Bildmittelgrund sieht man mich selbst mit Palette vor der Malfläche auf der Staffellage, und wie im Bild von Diego Velázquez‘ „Las Meninas o La familia de Felipe IV“ (1656) spiegelt sich die Familie in einem Spiegel hinten an der Wand. Wie bei Velázquez ist nicht auf den ersten Blick zu sagen, ob der Spiegel der Familie direkt widerspiegelt oder ob er uns vielmehr einen Ausschnitt der Bildfläche zeigt, an der ich gerade arbeite!
Die Familie Bornheim wird nach der Erfahrung mit meinem Porträt weiterleben auf ihrer Lebenslinie, und sich im besten Fall immer gerne neu orientieren im Bild vom Schnitt durch ihre Zeit.

* eine Fotografie schneidet auch klingenscharf durch die Zeit, allerdings durch die Zeit aller Gegenstände die abgebildet sind. Mein Schnitt durch die Zeit ist ein ganz und gar manueller Schnitt, mit der Klinge der Kunst. So bleiben die lebenden Körper bewegungslos stehen wenn ich über Tage und Wochen die Umgebung der Porträtierten bearbeite, um die lebenden Menschen ganzheitlich darzustellen, also über ihren Körper hinaus. Einfach erklärt: Wenn ich von der englischen Königin Elisabeth ein Foto mache dann werden die Untergebenen neben ihr im Bild ganz genau gleich behandelt wie die Queen. Die Kunst kann mehr, die Kunst kann und sollte auch tunlichst eine Meinung, eine Haltung, eine Bedeutung abbilden, das kann die Bildtechnik alleine, die Fotografie nicht!